(08.12.2004) Der Tagesspiegel
Die Geschenke für Beslan sind gepackt
Jacqueline Boy ist zweifache Mutter. Nach dem Geiseldrama hatte die frühere Flugbegleiterin nur eins im Sinn: Helfen
Vielleicht
liegt es daran, dass Jacqueline Boy früher als Flugbegleiterin
gearbeitet hat. Dass sie sich lange in Sphären aufhielt, in denen die
Freiheit grenzenlos ist und man über den Dingen steht. Jedenfalls ist
der 36-jährigen Mariendorferin gelungen, etwas zu organisieren, zu dem
sich selbst große Hilfsorganisationen nicht in der Lage sahen: Die
zweifache Mutter hat in Eigeninitiative 600 Kilo Spenden für die Kinder
aus Beslan gesammelt und sie nun in 509 Paketen in Richtung
Nordossetien aufgegeben – fein säuberlich verpackt und dank des
Post-Unternehmens DHL gratis.
Frau Boy hatte das furchtbare
Geiseldrama keine Ruhe gelassen. „Ich wollte was tun, damit die Leute
wissen, dass Menschen woanders in der Welt mit ihnen fühlen.“ Das
Unternehmen „Pakete für die Kinder aus Beslan“ begann.
Erste
Anrufe bei Spielzeugfirmen. Das KaDeWe spendiert 50 und Steiff 150
Teddys. Zapf-Creationen gibt Puppen, Revell und Fischertechnik
Modellbausätze. Zum Glück war der Onkel von Frau Boy verreist, sein
Haus wird zur Lagerhalle. Denn Karstadt zieht nach, Sigikid schickt
Sweatshirts, Adidas 250 Paar Fußballschuhe, Nike coole Käppies und so
weiter und so weiter. 28 Firmen wickelt Frau Boy um den Finger. Nur –
wie all das jetzt nach Beslan bekommen?
Frau Boy telefoniert mit
dem Roten Kreuz: Absage. Der Russisch Orthodoxen Kirche in Berlin –
nichts da. Unicef? Wir bedauern sehr. Fed Ex und andere Paketdienste?
Da können wir nichts tun. Dann die Rettung. Das Auswärtige Amt, die
WHO. „Die haben mir riesig geholfen“, sagt die energische Frau.
Jacqueline Boy besorgt sich im Internet über das Lehrerkomitee Uchkom
die Namen und Adressen der Überlebenden und sortiert per Filter die
Erwachsenen heraus. Dann packt sie die Geschenke nach Alter passend in
die Pakete – und wieder alle raus, denn die Zollformalitäten hatte sie
vergessen. Aber mit der Post, sagt Frau Boy, ging das wie
Brötchenbacken. Und durch die internationalen Verträge soll die
korrekte Anlieferung gewährleistet sein. In dem Paket an Lehrerin
Tamara liegt ein Brief in kyrillischer Schrift und einem Foto der
Familie bei, „damit die Kinder wissen, von wem die Post kommt.“ Und
jetzt, wo alles getan ist? „Ich habe meiner Tochter Saaranya
versprochen, erst mal zwei Wochen lang Barbie und Polly Pocket zu
spielen.“
Annette Kögel
DREI MONATE NACH DEM GEISELDRAMA
Bilder, Spenden, Benefizkonzert: So werden die Opfer unterstützt
HILFSBRÜCKE AUS BERLIN
(08.12.2004) Der Tagesspiegel
In
dieser Stadt haben viele Hilfsorganisationen für die Opfer des
Geiseldramas gesammelt – doch die Initiative von Jacqueline Boy war
einzigartig. So durfte die Mariendorferin jetzt auch die Kinder aus
Beslan treffen...